8. März 2019 Britta Littke-Skiera

Zum internationalen Frauentag 2019

Anhand der aktuellen Diskussion im Netz möchte ich zwei Forderungen nach Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung herausstellen:


1. Sprache ändern – gendern:

Dorothee Bär (CSU), Staatsministerin im Bundeskanzleramt für Digitalisierung, nennt eine geschlechtergerechte Sprache, die auch Frauen durch die Verwendung der weiblichen Form „in“ benennt, „gaga“. Und nicht nur sie ist hinsichtlich der Beachtung von Frauen und Mädchen in der gesprochenen und geschriebenen Sprache weit im Beginn des vorigen Jahrhunderts stehen geblieben. Es ist verwunderlich, wie selbst junge Menschen, die im Bezug auf die Verwendung „denglischer“ Wortschöpfungen, kein Problem sehen, sich querstellen, wenn es um die Einbeziehung von Frauen und Mädchen in den alltäglichen Sprachgebrauch geht.

Wer erwähnt wird wird, findet Beachtung, wer ignoriert wird, bleibt außerhalb des gesellschaftlichen und persönlichen Wahrnehmungsfeldes. So dürfen und sollen Frauen zwar Kinder gebären und nicht oder schlecht bezahlte Tätigkeiten verrichten, aber  ansonsten mögen sie in unserer patriarchalischen, kapitalistischen Gesellschaft bitte von Forderungen nach einem gleichberechtigtem Leben unter gleichwertigen  Lebensbedingungen absehen.

Es sind Frauen, die nicht nur sprachlich durch das Weglassen der weiblichen Form „in“  oder die Bezeichnung „jedermann“ ignoriert werden, sondern die auch charakterlichen Negativzuschreibungen ausgesetzt sind, während die Männer sich über Positivzuschreibungen freuen dürfen. Das Weibliche ist „dämlich“, „hysterisch“, „zickig“, das Männliche ist „herrlich“, „durchsetzungsfähig“, „willensstark“.    

Wer aber schon  durch den alltäglichen Sprachgebrauch ignoriert wird, deren Bedürfnisse werden auch in anderen Lebensbereichen nicht beachtet – z.B. in der medizinischen Versorgung.  

2. Symptome von Frauen ernst nehmen, Diagnostik und Behandlung von Frauen auf        Patientinnen abstimmen.

Frauen bekommen z.B. bei einem  Herzinfarkt bekommen andere Symptome als Männer und reagieren eher mit unspezifischen Anzeichen wie z.B. Rücken-, Schulter- oder Bauchschmerzen.. Auch ein Druck- oder Engegefühl in der Brust, das oft mit Übelkeit und Erbrechen einhergeht, wird nicht als Alarmsignal für einen Herzinfarkt erkannt. Häufig nicht einmal von Ärzt*innen. Dennoch machen sowohl der Merkur als auch der Spiegel in ihren heutigen online-Artikeln den Frauen diese Unwissenheit zum Vorwurf. Wieder einmal sind Frauen „schuld“, wenn sie nicht rechtzeitig den Krankenwagen rufen.

Dabei erleben gerade Frauen eine patriarchalische medizinische Diagnostik und Behandlung, die weder ausreichend auf ihre spezifischen körperlichen Eigenschaften abgestimmt ist, noch ihre Leiden und Symptome  ausreichend ernst nimmt. Frauen geraten in medizinischen Praxen sehr schnell zu Bittsteller/innen, unterworfen dem indirekten Generalverdacht der Simulation.

In der kapitalistischen,männlich dominierten Gesellschaft haben sie Kinder zu gebären, sie haben niedrig bezahlte oder unbezahlte Tätigkeiten zu verrichten, sie haben zu funktionieren - und ansonsten haben sie zu schweigen. Selbst Ärztinnen, die sich eigentlich auf ihre Geschlechtsgenossinnen einstellen können sollten, fallen ihren Patientinnen häufig durch die Übernahme und Anwendung dieser belehrenden, restriktiven Medizin in den Rücken anstatt die Weisheit des Körpers der betroffenen Frauen ernst zu nehmen – mit fatalen Folgen, wenn dann ernste Krankheiten nicht entdeckt werden.

Da Medikamente an Männern getestet werden, gelten sie -  wie auch in der Sprache – als die Norm, Frauen sind nur das davon Abweichende, das Minderwertige. Folglich gelten ihre spezifischen körperlichen Bedürfnisse als zweitrangig – mit der Folge, dass Frauen unter den sogenannten „Nebenwirkungen“ stärker leiden.

Die männlich dominierte Medizin ist geprägt von einem Mangel an Empathie, der schon an Sadismus grenzt. Grausame Untersuchungs- und Behandlungsmethoden klammern die begrenzte persönliche Leidensfähigkeit aus. Man(n) rettet das nackte Leben, den Körper, und hinterlässt malträtierte, z.T. verstümmelte, traumatisierte Menschen. Männlich geprägte Untersuchungs- und Behandlungsmethoden, die wie moderne Folter anmuten und unter denen übrigens alle  Geschlechter leiden, gehören hinterfragt – und durch eine Sichtweise ergänzt, die  Patient*innen ganzheitlich betrachtet und in ihnen mehr sieht als nur menschliche Maschinen, die im Sinne des herrschenden Kapitals zu funktionieren haben.


Britta Littke-Skiera