7. Dezember 2017 Dr. Friedhelm Grützner

Querfront

 

"Querfront" als Kampfbegriff

Ein Zwischenruf des Bremer Historikers Friedhelm Grützner


So langsam geht mir die Debatte über die "Querfront" auf die Nerven, weil jene, die ständig damit herumhantieren, allenfalls wissen, wie man dieses Wort schreibt, die aber keine Ahnung über die historischen Zusammenhänge (und die historische Kontingenz) dieses Begriffes haben, sondern ihn ausschließlich als Denunziationsknüppel im aktuellen linken Meinungskampf benutzen. Daher hier einige Bemerkungen zum historischen Hintergrund.  

1. Es war der Reichskanzler General Kurt von Schleicher, der im Jahre 1932 die NSDAP zu spalten versuchte, um zusammen mit der Gruppe um Gregor Strasser und den Gewerkschaften eine "Querfront" zu bilden, welche seine auf den Art. 48 WRV gestützte Präsidialregierung plebiszitär absichern sollte. Diese "Querfront" kam nie zustande, weil a) Hitler die Spaltung der NSDAP zu verhindern vermochte und Gregor Strasser alle Parteiämter niederlegte und b) weil die SPD im Vorfeld den Freien Gewerkschaften jede Sondierung in dieser Richtung untersagte. Aber der Begriff "Querfront" war geboren, obwohl diese nie zustande kam.

In den politischen Überlegungen des Reichskanzlers von Schleicher hat der Antisemitismus als ein verbindendes ideologisches Element nie eine Rolle gespielt. Es handelte sich ausschließlich um ein (gescheitertes) rein machttaktisches Manöver angesichts der verkorksten parlamentarischen Situation, wo eine Mehrheitsbildung ganz gleich welcher Art nicht möglich war.

Nach den Intentionen Schleichers sollte dieser "Querfront" ein protokeynsianisches Konjunkturprogramm - vergleichbar dem New Deal Franklin D. Roosevelts - zugrunde liegen. Hierzu gab es den von den Freien Gewerkschaften erarbeiteten WTB-Plan (benannt nach den Verfassern Wladimir Woytinsky, Fritz Tarnow und Fritz Baade), der eine "produktive Kreditschöpfung" vorsah, den Schleicher mit dem ebenfalls durch Kredite zu finanzierenden "wirtschaftlichen Sofortprogramm" Strassers verbinden wollte. Aber wie gesagt: dieses Projekt scheiterte an beiden vorgesehenen Bündnispartnern und ist nie über unverbindliche Hinterzimmergespräche hinausgekommen.

Nun gibt es ja innerhalb und außerhalb der LINKEN einige arme Irre, die den Keynsianismus für "völkisch" und in der Tendenz für "rassistisch" halten, wohingegen dann im logischen Umkehrschluss die neoklassische Austeritätspolitik Brünings "links", "fortschrittlich" und "weltoffen" gewesen sein müsste. Es gibt übrigens auch in neoliberalen Kreisen die Ansicht, dass die New-Deal-Politik Roosevelts "faschistisch" gewesen wäre, und er neben Hitler und Stalin zu den drei politischen Ungeheuern des 20. Jahrhunderts gehöre, deren Erbe es zu überwinden galt. So bilden dann antideutsche Linke und neoliberale Rechte ihre ganz eigene "Querfront" gegen Hitler, Stalin und Roosevelt, was ein allerliebstes Bild abgibt. Aber auch die braven Linkskeynesianer innerhalb der LINKEN müssten - wenn man manche unterirdischen Beiträge verfolgt - ziemlich querfrontverdächtig sein. Da hilft nur noch, dass sich Antideutsche und Neoliberale auf dem Mont Pelerin versammeln und im Gedenken an Friedrich August von Hayek den Eid ablegen, gemeinsam gegen "Rassismus" und "völkisches" Denken und für den freien Weltmarkt zu kämpfen. 

2. Jawohl, es gab in der Weimarer Zeit einen rechten Antikapitalismus. Allerdings richtete sich dieser nicht gegen die Eigentumsverhältnisse, sondern gegen die Gewerbefreiheit und gegen den Marktmechanismus. Er warb stattdessen für eine korporative Wirtschaftsverfassung und für eine neoständische Gliederung der Gesellschaft, wo es ein klares "unten" und "oben" gibt, was nicht durch Marktprozesse gestört werden sollte. Dieser Antikapitalismus war antiliberal sowohl in wirtschaftlicher als auch in politischer Hinsicht und fand seine soziale Basis im Kleingewerbe, in der Landwirtschaft und (man höre und staune!) in der Schwerindustrie. Da hieß es, der westliche Kapitalismus beruhe auf dem "angelsächsischen Krämergeist", er sei "mechanistisch", "seelenlos", "verfault" und dekadent.. Vom Soziologen und Wirtschaftswissenschaftler Werner Sombart (den man als schillernden Wanderer zwischen links und rechts nun wirklich als "Querfrontler" bezeichnen kann) stammt die Hetzschrift über "Händler und Helden", die schon im Titel die ideologische Grundlage des rechten Antikapitalismus deutlich macht. Und in diesem Spektrum machte sich auch der Antisemitismus breit, der sich nicht nur gegen das "internationale Finanzjudentum" wandte, sondern generell gegen die Judenemanzipation, weil diese die ständische Ordnung "zersetzt" und damit den angeblich "auflösenden Elementen" von Liberalismus und Marxismus den Weg bereitet hätte. 

3. Schließlich - und erst hier wird es eigentlich interessant - existierten in der Weimarer Republik nationalbolschewistische Strömungen, die teilweise bis in die KPD hineinreichten. Ich erinnere an die berüchtigte Schlageter-Rede von Karl Radek vor der Komintern 1923, und in der Agitation der 20er Jahren klangen auch nationalrevolutionäre Töne gegen den Versailler Vertrag mit durch. Allerdings standen dahinter die außenpolitischen Interessen der Sowjetunion, die eine Verständigung mit Deutschland gegen die Westmächte und gegen Polen anstrebte. Letzteres betrachteten beide Staaten als zu beseitigendes Ärgernis. In diesen Kontext gehört die Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Roter Armee, sodass dieser ganze Komplex weniger etwas mit "Querfront" zu tun hat, sondern mit der "Großen Politik der europäischen Kabinette", in welche die KPD von der Sowjetunion eingespannt wurde.

Als letztes haben wir noch die Nationalbolschewisten um Ernst Niekisch, die zwar ein gewisses intellektuelles Potential mitbrachten, die aber innerhalb der Arbeiterbewegung fast keine Verankerung besaßen (Niekisch war zunächst in der USPD und an der Münchener Räterepublik beteiligt, dann in der SPD, wechselte schließlich zur Splitterpartei der "Altsozialdemokraten" in Sachsen, um nach 1945 als SED-Abgeordneter auf den Bänken der Volkskammer Platz zu nehmen). Diese Nationalbolschewisten als "Generäle ohne Truppen" saßen nach 1933 zwischen allen Stühlen. Mancher von ihnen saß bei den Nazis im KZ - und so weit ich weiß, hat sich von ihnen auch niemand während der NS-Zeit an irgendwelchen Schandtaten beteiligt.

Zum Abschluss: Ich erwarte von jenen Personen, die augenblicklich laufend den Querfront-Vorwurf erheben, doch endlich die historischen Bezugspunkte zu benennen, auf welche sie sich stützen Wo sind bei den "üblichen Verdächtigen" die Verbindungslinien zur Schlageter-Rede von Karl Radek oder zu Ernst Niekisch (der wirklich viel geschrieben hat)? Wo vertreten die angeblichen Querfrontler eine korporativ-ständische Wirtschaftsverfassung? Hat Sahra Wagenknecht etwa die Wiedereinführung der Zünfte gefordert? Oder gibt es Verbindungslinien zwischen Dieter Dehm und Werner Sombart? Und wenn ja, welche?

Ich warte!