14. Februar 2018 Britta Littke-Skiera

Armut macht krank und einsam

„Immer mehr Singles von Armut bedroht“ lautete am 14.2.2018 eine Schlagzeile des Weser-Kuriers. Aber wer ist von Armut bedroht, wer ist arm? Wer in einer feuchten, schimmeligen, hellhörigen Wohnung am Stadtrand lebt, wer Strom und/oder Wasser nicht mehr bezahlen kann, wer das Geld für eine neue Waschmaschine, für  Kleidung und Schulutensilien nicht aufbringen kann, wer hungert und in der kalten Wohnung friert oder gar in die Obdachlosigkeit getrieben wird, ist nicht von Armut bedroht, sondern arm. Hier greift der Begriff der „relativen Armut“. Da Niedriglöhne und die Leistungen des SGB nicht zum Leben reichen, müssen betroffene Menschen jeden Tag um ihre nackte Existenz kämpfen.

Das liegt zum einen daran, dass ein großer Teil der Betroffenen den eigenen Niedriglohn mit ALG II aufstocken muss. Ständige Auseinandersetzungen mit dem Jobcenter durch Fehlbescheide, fehlende Unterhaltszahlungen für die Kinder oder der nicht eingegangene Lohn auf dem eignen Konto sind nicht nur existenzbedrohend, sondern kosten auch Zeit. Zeit, die für soziale Kontakte fehlt.

Kaum wahrgenommen in der Debatte zur Armutsbekämpfung wird die teilweise sehr rigide Sanktionspraxis gegenüber Erwerbslosen. Schon ganz geringe „Pflichtverletzungen“ können zu Kürzungen führen. Somit wird das Problem der Armut drastisch verschärft, denn die individuelle Situation wird häufig nicht berücksichtigt. Es führt zu existentieller Bedrohung und ständiger Überforderung, wenn gesundheitliche Einschränkungen, mangelnde Mobilität, ein fehlendes Betreuungsangebot für die Kinder oder die Pflege der Angehörigen nicht gelten. Die Betroffenen werden einem enormen Stress unterworfen, der einem permanenten Trauma gleicht und bestens dazu geeignet ist, sie psychisch und physisch zu destabilisieren. Die Gefahr weiterer „Versäumnisse“ steigt, die Gefahr weiterer Vereinsamung und Verarmung  -  bis hin zur Obdachlosigkeit - auch. Während eine Arbeitsstelle überwiegend noch als das Allheilmittel gegen Einsamkeit gesehen wird, widerlegt der heutige Zeitungsartikel diesen Mythos und benennt die Verantwortung der Politik.

Von den politisch Verantwortlichen ist zur Bekämpfung von Einsamkeit und Armut unter anderem ein armutsfester Mindestlohn zu fordern, der die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht sowie eine sanktionsfreie, armutsverhindernde, existenzsichernde Grundsicherung.

Britta Littke-Skiera