9. April 2017 Kurt Schneider

Clara Zetkin: Die Kriegsbriefe (1914-1918)

Clara Zetkin - Die Kriegsbriefe (Dietz)

Ihr Name signalisierte Widerstand gegen die politischen und sozialen Widerwärtigkeiten des Kapitalismus, Kampf für den Sozialismus. Während des ersten Weltkrieges stand sie in der ersten Reihe derer, die mit größtem Einsatz dafür kämpften, das internationale Proletariat und die Frauen in aller Welt für den gemeinsamen Kampf gegen den imperialistischen Krieg zu mobilisieren.

Im Deutschen Reich war am 31. Juli 1914 der Belagerungszustand ausgerufen worden. Kundgebungen und Straßendemonstrationen waren verboten, die Presse zensiert und Kriegsgegner der Briefzensur unterworfen. Versammlungen hatten in geschlossenen Räumen stattzufinden.

Bereits am 2. August 1914 war Clara Zetkin der ersten großen Haussuchung ausgesetzt. Sie stand in Verdacht, mit Russland zu konspirieren und russische Emissäre bei sich zu beherbergen, wozu sie am 4. August 1914 eine Erklärung abgab. (S. 79/80). Ihre im vorliegenden Band veröffentlichten Briefe unterlagen dem Kriegsrecht und damit der Briefzensur, deren Institutionen ihren Briefwechsel als konsequente Kriegsgegnerin mit Argusaugen im Blick hatten. Doch trotz . aller Behinderung widerspiegeln die Briefe ihre klare Antikriegshaltung, ihre Entfremdung von der kriegsbefürwortenden SPD-Führung, aber auch ihre schrittweise Ausstoßung aus der Partei, deren Gesicht sie mehr als zwei Jahrzehnte mitgeprägt . hatte. Insgesamt sind es 168 Briefe, 27 Postkarten, Telegramme sowie deren Entwürfe und/oder Notizen. Davon sind 149 Erstveröffentlichungen nur 46 ihrer Briefe wurden zuvor in vollem Wortlaut veröffentlicht.

Der Verrat der deutschen Sozialdemokratie, deren Führung zur "Vaterlandsverteidigung" und zur "Burgfriedenspolitik" aufgerufen hatte, sowie die Zustimmung der Reichstagsfraktion zur Bewilligung der Kriegskredite am 4. August 1914, hatte Clara an: den Rand der Verzweifelung gebracht. Sie meinte, "wahnsinnig zu werden oder mich töten zu müssen". (62). Alles ist für sie nebensächlich,  verglichen mit dem Zusammenbruch der Partei und der Internationale. Gegenüber Wilhelm Bock, Vorsitzender der Kontrollkommission der SPD, erklärt sie: "Bei der Rolle, die unsere Partei in der Internationale spielt, hat alles auf ihre Entscheidung wie auf eine Offenbarung gewartet. Ihre Haltung hat die Sozialdemokratie in den anderen kriegführenden Ländern desorientiert und unsicher gemacht und dazu beigetragen, die chauvinistischen Strömungen in ihnen und in den Massen zu stärken..." (S. 44). Ein Protest dagegen wäre nur eine "schöne Geste", mit der wir unsere "persönliche Ehre gewahrt, aber nichts erreicht" hätten. Es kommt vielmehr darauf an, jetzt mehr als je kühl denken und handeln". (S. 17/18). Das Verhängnisvollste der gegenwärtigen Situation ist, "daß der Imperialismus alle Kräfte des Proletariats, alle Einrichtungen und Waffen, die seine kämpfende Vorhut geschaffen hat, in den Dienst seiner Zwecke genommen hat. Daß er dies so restlos tun konnte, daran trägt die Sozialdemokratie die . Hauptschuld und Schuldverantwortlichkeit vor der Internationale und der Geschichte." (S. 49).

Clara, die auf der 1. Internationalen Konferenz sozialistischer Frauen (1907) zur Sekretärin des internationalen Frauensekretariats gewählt worden war, betonte gegenüber Heleen Ankersmit, dass sie diesen Weg' konsequent weitergehen wird. "Als internationale Sozialistin darf ich, kann ich die Situation nicht von einem engen, spezifisch deutschen Standpunkt aus betrachten." Es sei ihr ein Herzensbedürfnis gewesen, -inmitten des Schlachtenlärms und des mordpatriotischen Gebrülls, die "Stimme für den Frieden, die internationale sozialistische Brüderlichkeit zu erheben". Deshalb habe sie sich im November 1914 in einem Aufruf an die sozialistischen Frauen aller Länder gewandt, den in Deutschland zu veröffentlichen die Zensur untersagt habe. In der im Dezember 1914 verfassten Grußadresse erklärt sie: "Dieser Krieg, der gräßliche, wenn auch natürliche Sohn des kapitalistischen Imperialismus, ist der bisher riesenhafteste Ausdruck des furchtbaren Konkurrenzkampfes, der von der kapitalistischen Produktionsform untrennbar ist. Er zeigt ihn uns in all seiner Gräßlichkeit." (S. 83/84)

Eine große Anzahl Briefe, gerichtet an Clara Zetkin, aber auch von ihr verfasste, sind verloren gegangen, hat die Briefzensur unterschlagen. Immer wieder versuchte sie die Zensur zu überlisten, indem große Teile des Briefwechsels unter Decknamen und Deckadressen erfolgten. So sind bis heute nicht auffindbar ihre etwa 200 Briefe an Franz Mehring. Der Briefband enthält erstmals vollständig den einzigen enthaltenen von ihr an ihn gerichteten Briefe. (S. 336-341). In ihm schreibt sie: "Den Drang nach einer Aussprache, nach Verständigung mit Ihnen, mit den Freunden kann ich kaum noch zügeln."

Zahlreiche Briefe an Mathilde Jacob, die aufopferungsvoll Rosa Luxemburg zur Seite stand, bringen ihre große Sorge um die Gesundheit und finanzielle Situation Rosas zum Ausdruck. Um deren Not zu mildern, sendet sie in dichter Folge Geld und Lebensmittel, sorgt sie sich um ihre Kleidung, schickt sie ihr wichtige Bücher, als sie in Breslau inhaftiert war. "Das Herz ist mir schwer...", schreibt sie am 25. Juni 1917, "Ich fürchte für ihre Gesundheit. Moralisch wird ihre Kraft nie versagen, aber dieser zarte Körper!" Und es sei "geradezu Mord, wenn ihr Arzt nicht zu ihr gelassen wird", Ebenso müsse Rosa alles erhalten an Korrespondenz, Zeitungen usw., die nicht die Sicherheit des Staates gefährden. Sie regt an, sich "an den Genossen Haase zu wenden, damit. Rosa wenigstens einigermaßen menschliche Bedingungen erhält... Gen. Haase ist ein vorzüglicher Rechtsanwalt", der in der Lage ist, "mutig und bedacht mehr durchzusetzen als manch andere". (S. 247/48).

Clara selbst hat, wie ihren Briefen zu entnehmen ist, in all den Kriegsjahren erhebliche gesundheitliche Schwierigkeiten. "Wenn ich nur eine Kleinigkeit gearbeitet habe, klappe ich zusammen un d bin unfähig, auch nur einen Brief an meine Freunde zu schreiben", berichtet sie Mathilde Jacob. "Von dem allen darf natürlich Rosa nichts wissen." (S. 354/55).

Anfang November 1917· erhält Clara die Nachricht, dass Hans Diefenbach - ein enger Freund Rosa Luxemburgs und der Familie Zetkin - der ihr "teuer wie wenige" war, "auf dem Felde der Ehre" gefallen ist. An Mathilde Jacob schreibt sie: "Unser lieber Hannes ist tot. Können Sie es fassen? Mir scheint das Schreckliche ein böser Traum und ist doch harte Wirklichkeit... Ich denke an Rosa. Wird man ihr das Furchtbare verschweigen können, und wie wird sie es ertragen?" Wenige Tage später teilt sie mit, dass sie ihr Hannes Tod mitgeteilt habe. (S. 355/56). Ende November 1917 schreibt sie an Luise Kautsky: "Bannes war ein Stück mein dritter Sohn... Für michsteht hinter dem Schmerz um Hannes noch drohend das Los, das unseren beiden Jungen werden kann." (S. 362/63).

Am 17. November 1918, Rosa ist durch die Revolution aus dem Zuchthaus befreit worden, teilt sie ihr ihre Gedanken zur deutschen Revolution mit und fragt: "Könnte ich nicht in Berlin nützlicher sein, mehr leisten als hier?.. Und ich möchte doch etwas mehr tun, als das Leipziger Frauenblättle redigieren." (437/38). (Nachdem ihr der Parteivorstand die "Gleichheit" entzogen hatte, gab sie seit dem 29. Juni 1917 die Frauenbeilage der Leipziger Volkszeitung heraus.)

Mit aller Deutlichkeit vermerkt Clara, dass ihr klar sei: "Ich darf mich nicht ergeben; fest ist mein Wille zu kämpfen. Gäbe es nur die geringste Möglichkeit, ich wäre schon längst fort aus diesem Land der .Stumpfheit, der Apathie, des bedientenhaften Abwartens, der Untätigkeit, aus einer Atmosphäre, in der man nicht atmen, nicht leben kann." Und Clara bekundet: "Alles zieht mich nach Rußland. Unter den Russen habe ich jung meine Heimat gefunden, politisch, menschlich, unter ihnen möchte ich bis ans Ende arbeiten, kämpfen." (S. 332-334). W. Lenin gegenüber versichert sie, "daß ich die alte geblieben bin und mit Kopf und Herz ganz mit Ihnen bin". (394/95). Und wenig später teilt sie ihm mit: "Mit leidenschaftlichem Interesse, mit angehaltenem Atem verfolge ich die Nachrichten aus Rußland. Dort geht es der Menschheit große Dinge, dort ist das Leben wert, gelebt zu werden." Und sie spricht die Hoffnung aus, "möchten die Proletarier aller Länder endlich Eurer, endlich der russischen Proletarier und Massen würdig werden!". (S. 403). In einem ausführlichen Brief an die nichtöffentliche Konferenz der USPD vom September 1918 heißt es: "Die Revolution war nicht bei dem Maß, bei dem Ziel einer bürgerlichen Revolution stehen geblieben. Sie war·darüber hinausgewachsen und enthüllte die Riesengestalt einer proletarischen Revolution, die auf die sozialistische Neuordnung der Gesellschaft abzielt... Der neue revolutionäre Wein, den es keltert, läßt sich nicht in alte Schläuche füllen."Das historische Wesen der Diktatur des Proletariats ist, wie Clara betont, " die zwingende Herrschaft, die ohne Verletzung der Gebote idealer Demokratie, die ohne Verletzung des Rechts, der Interessen von Minderheiten so unmöglich ist wie die Quadratur des Zirkels". Ihre politische und theoretische Grundposition lautet: "Die Diktatur des Proletariats hat ihre geschichtliche Rechtfertigung darin, daß sie im Interesse der ungeheueren Mehrzahl des Volkes ausgeübt wird und nur Übergangsregel zu dem Zwecke ist, sich selbst aufzuheben und unmöglich zu machen, das Ideal der Demokratie zu verwirklichen: ein freies Volk auf freiem Grund bei freier Arbeit." (S. 405-432).

Im letzten Brief des Bandes, geschrieben am 17. November 1918 und gerichtet an Rosa, die durch die Revolution aus der Gefängnishaft befreit worden war, schreibt Clara:"Ach Rosa, es ist eine Welt von Fragen, über die ich mich mit Dir aussprechen müßte. Du weißt, wie mißtrauisch ich gegen mein eigenes Urteil bin." (S. 437).

Die Herausgeberin, Marga Voigt, hat einen wertvollen Beitrag zum Kampf der deutschen Linken während des ersten Weltkrieges geleistet. Geordnet nach den Kriegsjahren, enthält der Briefband des weiteren wichtige zeitgenössische Dokumente. Der Anhang umfasst acht Artikel bekannter Persönlichkeiten aus den Jahren 1917/18, Clara Zetkins biografische Daten, die editorischen Anmerkungen der Herausgeberin und einen sachkundigen Beitrag "Auf dem Wege zu den Bolschewiki", verfasst von Jörn Schütrumph. 

Clara Zetkin: Die Kriegsbriefe (1914-1918), herausgegeben von Marga Voigt. Gefördert durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung. Dietz Verlag Berlin 2016, 559 Seiten, 49,90 Euro. 

 

Prof. Dr. Kurt Schneider